Luther in Rom 1511

Ein halbszenischer Abend mit Musik der italienischen und deutschen Renaissance. Am Sonntag, 30. Oktober 2011, um 18 Uhr zu Gast in der Zehntscheune Praunheim (Graebestraße 6, Frankfurt-Praunheim).


Im Winter des Jahres 1510 machen sich zwei Augustiner-Mönche aus Erfurt zu Fuß auf den Weg in die heilige Stadt, um Rat und Segen für ihren Orden zu erlangen. Einer von ihnen, Bruder Martin, wird wenige Jahre später von sich reden machen und in die Geschichte eingehen als Begründer des Protestantismus. Seine Kritik an den herrschenden Zuständen wird Gesellschaft und Politik polarisieren und erneuern. Seine negativen Äußerungen über die römische Kirche sind allerdings nur aus seiner eigenen Rückschau überliefert. Ob er wohl bei seinem Romaufenthalt schon geahnt hat, „was daselbst alles erstunken und erlogen“ ist?


Foto: Rolf Oeser


Im Rom der Hochrenaissance herrschen eine Reihe von Päpsten, deren weltliches Machtstreben sie Kriege führen, gegen Bezahlung Ämter vergeben, Bastardkinder legitimieren und prachtvolle Paläste errichten lässt. Ja, die Kunst floriert: Raffael, Michelangelo u.a. schaffen hier Bedeutendes. Ebenso blüht der Handel mit der Liebe: man nimmt an, dass käufliche Damen, „Kurtisanen“, 10% der Bevölkerung ausmachen!

Da wir nicht wissen, was der junge Martin Luther in Rom neben dem offiziellen Pilgerprogramm so alles erlebt hat, haben wir die weltliche Musik seiner Zeit befragt. Wir können uns gut vorstellen, dass er, der die Musik und alles, was Schwermut und Traurigkeit vertreiben konnte, so sehr liebte, etwas davon kannte. Die Themen der unterhaltenden Musik dieser Zeit sind entsprechend: Zoten über Ehebruch, Liebeshandel, Untreue, Krieg in der Liebe aber auch Karikaturen der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Trauer über eine mehr und mehr von Materialismus/Kapitalismus geprägten Welt. Daneben stehen natürlich die zeitlosen Trink- und Tanzlieder.



In einer fiktiven Pilgerfahrt werden in unserem Programm deutsche Rom-Wallfahrer singenderweise auf ihre italienischen Zeitgenossen stoßen. Deutsche Direktheit, Strenge und Derbheit trifft auf italienische Eleganz und Laszivität.

Dabei begegnen sich bei uns auch Luther und der Star des Humanismus Erasmus von Rotterdam: ihr Streit über die Unfreiheit bzw. die Freiheit des Willens beschäftigt auch heute noch die Gemüter. Unsere Protagonisten treffen in einer Herberge auf weitere Zeitgenossen: den Bauern, die Magd, den Landsknecht und Edelmann, den Leibkoch, die Kurtisane, den Magister, den Kardinal...

Umrahmt wird das Spektakel von einem 3-Gänge-Menü.



Programm

I: Im Aufbruch

I.1: Reisevorbereitungen, Abschied von den Lieben

  • Wohl dem, der in Gotts Furcht steht“ (Johann Walter 1496-1570)
  • All mein Gedanken, die ich hab (Lochamer Liederbuch, um 1460)
  • Ich fahr dahin, wann es muss sein (Lochamer Liederbuch)
  • Ich weiß nicht, was er ihr verhieß, dass sie den Riegel dannen stieß (Ludwig Senfl, ca.1490-1543)
  • Es hätt ein Biedermann ein Weib (Ludwig Senfl)

I.2: Begegnung mit den Italienern

  • Der heilig Herr Sanct Mattheis (Text um 1515, Musik bei Georg Forster, 1540)
  • L’Amor Donna ch’io te porto (Giacomo Fogliano, 1468-1548)
  • Sempre le come esser sole (Michele Pesenti, um 1470- nach 1524)
  • Sempre mi ride star (Adrian Willaert, um 1490-1562)
  • Hoy comamos y bebamos (Juan del Encina, 1468-1530)

II: Korruption und Skandale - Kurtisanen und Glaubensstreiter

  • Was ist die Welt? (Ludwig Senfl)
  • Hor vendut’ho la speranza (Marco Cara, um 1475-um 1525)
  • Es wollt ein Mägdlein grasen gahn (Heinrich Isaac, um 1450-1517)
  • Se ben hor non scopro il foco (Bartolomeo Tromboncino, 1470-1535)
  • Es wollt ein Frau zum Weine gahn (Ludwig Senfl)
  • A la guerra, alla guerra (Bartolomeo Tromboncino)
  • Wir zogen in das Feld (Landsknechtslied, Musik bei Georg Forster, 1540)
  • Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort, und steur’ des Papst und Türken Mord (Lucas Osiander, 1534-1604)

III: Konvivium - Versöhnliches beim Bunten Abend

  • „Chiara Stella“ - Solo-Tanz (Musik bei Fabritio Caroso, 1581)
  • Ach Elslein, liebes Elselein mein (Ludwig Senfl)
  • Wo soll ich mich hinkehren, ich dummes Brüderlein (Georg Vogelhuber, Musik bei G. Forster, 1540)
  • Credo des Feinschmeckers (Text von Luigi Pulci, 1432-1484, Übersetzung von Hanns Eisler, 1898-1962)
  • „La Torcia“ (G. A. Casteliono, Intabolatura de leuto di diverse autori, 1536)
  • In te domine speravi (Josquin Desprez, 1450-1521)
  • Quanta Beltà (Arcadelt, 1505-1568)
  • Nun grüß dich Gott, du edler Saft (Ludwig Senfl)
  • Ognun segua Bacco te (11. Buch der Frottolen, bei Petrucci, 1514)